Sonntag, 12. August 2018

RPGs - ein missverstandenes Hobby



RPG, Role Play Game, Rollenspiel – davon hat doch jeder schon mal in irgendeiner Weise gehört, sei es bei Computerspielen oder bei … na ja, lassen wir das. Wie ihr seht, ist der Begriff „Rollenspiel“ bereits vorbelastet. Es gibt aber auch eine andere Form von RPG, die zwar auch mit diesen beiden Varianten in gewisser Weise etwas gemein hat, aber trotzdem nochmal eine ganz andere Ebene bildet. Es geht dabei nämlich primär um das Schreiben und das Entwickeln eigener Charaktere, deren Geschichten man erzählen möchte. Genau deshalb ist es schon seit Jahren eines meiner größten Hobbies, über das ich aber so gut wie nie rede, weil es so oft missverstanden wird. Deshalb möchte ich heute mit den Vorurteilen aufräumen und euch die RPGs, wie ich sie kenne, etwas näher bringen.


Erst kürzlich habe ich mir vor Augen geführt, wie lange ich meinem Hobby, dem Schreiben, eigentlich schon nachgehe. Klar, ich habe als Kind schon immer gerne Geschichten erfunden, kleine Theaterstücke zu Weihnachten und Ostern geschrieben, die ich dann aufgeführt habe, aber sowas „Richtiges“ habe ich da noch nicht geschrieben.
Das kam erst später, als ich durch eine damalige Freundin auf RPGs aufmerksam gemacht wurde. Damals war ich schon ein großer Potterhead, sodass mir besagte Freundin ein Forum zeigte, in welchem man sich mit den Charakteren aus den Büchern, oder auch selbst erdachten Charakteren, registrieren konnte, um diese dann aktiv zu bespielen. Ja richtig, man konnte sich als Harry, Hermine und Co registrieren und dann diese Charaktere schreiben. Das Ganze spielte damals, glaube ich, zu Harrys 5. Schuljahr. Ich habe mich übrigens mit einem eigenen Charakter angemeldet, der aussah wie Jeanette Biedermann und denselben Nachnamen trug wie ich. Aber das war im Jahr 2006, da war ich gerade mal 12 Jahre alt. Es sei mir verziehen.


WAS SIND „RPGs“ ÜBERHAUPT?

Jetzt fragt ihr euch natürlich zurecht, was RPGs sind und wie sie funktionieren. Nun, das ist ganz einfach, lasst es mich euch erklären. Zuerst einmal ein paar grundsätzliche Dinge: Ich spreche hier ausschließlich von RPG-Foren. Ja genau, Foren, die extra dazu erstellt wurden. Es gibt auch andere Arten von RPGs, die über Chats oder E-Mails stattfinden. Ich beschränke mich in meinem Beitrag aber auf die Foren, weil ich mich auch beim Schreiben bloß darauf beschränke. Ein solches Rollenspielforum aufzubauen, um den Usern damit einen geeigneten Spielort bieten zu können, das kostet Zeit und viel Einsatz. Nicht nur, weil man das technische Grundgerüst aufbauen, sondern auch das Forum mit Informationen füllen muss, die das Setting bestimmen. Das können Hintergrundtexte zu den Fandoms sein, oder eben zu den Städten, in denen gespielt wird.
Wichtig ist hierbei sind auch Altersgrenzen. Das ist vergleichbar mit den Altersbeschränkungen für Filme. Es gibt Foren ab 12, 14, 16 oder 18, manchmal auch ohne ein sogenanntes Rating. Diese Einschränkungen beziehen sich vor allem auf die Inhalte der Texte, meistens Drogen- und Gewalteinflüsse der Charakter.
Grundsätzlich gibt es verschiedene Genres, ähnlich wie bei Büchern. Die gängigsten Unterteilungen wären da zum Beispiel Reallife, Fandoms und Fantasy und das spricht im Grunde schon für sich. Was sich da abhebt ist eben das Setting. Während es in Reallife Foren mehr um das Leben in Groß- oder Kleinstädten geht, je nach dem, wo das Setting nun mal ist, geht es in Fantasy Foren mehr um die fantastischen Welten und Wesen. Beliebt ist aber auch der Bereich Fandoms, in dem man dann die Charaktere seiner Lieblingsserien und –filme, oder eben selbst erdachte Figuren in ebendiesem Setting spielen kann.
Wie ihr seht, spielt es also schon eine große Rolle, wo das Ganze stattfindet und das kann sich jede/r SpielerIn selbst aussuchen. Jede/r hat schließlich andere Präferenzen. Die einen lieben Fantasy, können mit einer Großstadt aber nichts anfangen oder eben andersherum.


Die Charaktere

Jetzt fragt ihr euch sicherlich, wie man überhaupt zu seinen Charakteren kommt. Ich spreche übrigens bewusst in der Mehrzahl, denn es gibt tatsächlich sehr wenige RPG-Spieler, die tatsächlich nur einen Charakter haben. RPG-Charaktere sind eben doch Rudeltiere.
In den Fandoms spielt man meist Film-, Serien- oder Buchcharaktere, die einen besonders reizen. Oder man denkt sich vielleicht sogar einen ganz eigenen Charakter aus, der in diesem Fandom-Setting mitmischt – was übrigens in den anderen Genres sehr gängig ist. Die Charaktere entspringen eigenen Ideen. Es sind eigens erstellte Figuren, deren Geschichten man selbst zusammenspinnt und erzählt. Es erfordert also immer Eigeninitiative und besonders die eigene Kreativität, die gelegentlich durch Ideen anderer mitgestaltet wird.
In den Foren gibt es aber immer die Möglichkeit, nach Verwandten, Freunden oder anderen Anschluss für seinen Charakter zu suchen, woraufhin sich Interessierte melden können. Ein Charakter ist also eigentlich nie alleine, sondern immer irgendwie vernetzt. Außer jemand zieht es vor, sich bloß auf einen Schreibpartner zu beschränken, was auch in Ordnung ist. Prinzipiell macht es aber mehr Spaß, mit anderen in Kontakt zu kommen und somit nicht nur einem Plot zu folgen.
Natürlich brauchen die Charaktere auch immer Gesichter, die in den Foren dann als sogenannte Avatarpersonen genutzt werden. Das kommt daher, dass man diese Personen als Avatar im Forum nutzt, damit sich jeder die Charaktere auch bildlich vorstellen kann. Das sind meist berühmte Persönlichkeiten, aber auch da gibt es Einschränkungen.


Und wie „spielt“ man jetzt?

Habt ihr eine Charakteridee und meldet euch in einem Forum an, ist es meistens so, dass ihr für euren Charakter einen Steckbrief anlegen müsst, in welchem ihr den Charakter für euch und auch für andere beschreibt. Das kann ganz unterschiedlich aussehen. Meistens geht es tatsächlich darum, den Charakter zu beschreiben, also was seine Stärken und Schwächen sind, was er mag und was nicht. Auch die Vorgeschichte ist wichtig. Das ist für jeden Spieler der erste Schritt, in welchem man sich mit dem Charakter auseinandersetzt und ihn formt. Wie detailreich das sein muss, ist eigentlich jedem selbst überlassen. Mehr Informationen sind natürlich immer schöner, weil dadurch das Bild vom Charakter klarer wird.
Wenn ich hier von „Charaktere spielen“ spreche, dann meine ich grundsätzlich immer schreiben, oder wie man unter RPGlern sagt, posten. Das funktioniert in Interaktion mit anderen, denn das ganze Prinzip des RPGs basiert generell auf der Interaktion mit anderen. Anders würde es auf diese Art auch nicht funktionieren oder zumindest wäre es sehr einseitig.
Ich ziehe dabei übrigens die Art der Szenentrennung vor. Das heißt, man erstellt für eine Szene ein neues Thema in dem Forum mit zwei oder mehreren Charakteren, in der dann ein Szenario geschrieben wird. Das kann man sich ungefähr so vorstellen, wie das Kapitel eines Romans, bloß dass dieses Kapitel eben aus zwei oder mehreren Perspektiven geschrieben wird, je nach dem, wie viele Charaktere daran teilnehmen. Man legt also zusammen ein Szenario fest, in welchem die Charaktere sich befinden und dann geht’s direkt los.
In den Foren ist es übrigens auch so, dass von dem Team, den Spielleitern sozusagen, ein Spielzeitraum festgelegt wird, in welchem sich die Charaktere bewegen. Das kann von ein paar Wochen, zu ein paar Monaten oder einem ganzen Jahr sein. In diesem Zeitspektrum kann man dann seine Szenen erstellen und spielen lassen.
Geschrieben wird in diesen Szenen immer abwechselnd, so dass die Charaktere auch direkt miteinander agieren und aufeinander reagieren können. Dadurch lässt sich eine Szene eben auch mal in die eine oder andere Richtung schubsen, die man vorher vielleicht gar nicht so vorgesehen hatte.
Diese Interaktion ist eigentlich genau das, was mir am meisten Spaß macht. Es sind eben nicht nur die eigenen Ideen, die man einbringt, sondern auch die des anderen, auf die man Bezug nehmen kann. Natürlich kann man sich vorher absprechen, es gibt aber auch diejenigen, die lieber alles spontan machen und entweder nur den Anfangs- oder Endpunkt festlegen wollen.


äh, und warum wird das missverstanden?


Aber das klingt doch eigentlich ganz cool, warum also habe ich am Anfang davon gesprochen, dass RPG ein missverstandenes Hobby ist? Tja, leider denken viele beim Thema „Rollenspiel“ in eine ganz andere, nicht jugendfreie Richtung und bringen das Ganze in Verruf.
Sag du doch mal jemanden, dass du in deiner Freizeit Rollenspiele machst. Du wirst sofort schief angeguckt und nicht selten fragt jemand, ob es dabei um Sex geht.
Und selbst wenn du dann erklärst, worum es geht, folgt auch darauf wenig Verständnis. Es wird eher gefragt, warum man dann nicht einfach einen Roman schreibt. Oder Fanfiction, wie es alle Nerds tun. Ja, und genau deshalb habe ich irgendwann aufgehört darüber zu reden. Weil ich das Gefühl hatte, dass es niemand versteht oder verstehen will. Und bevor man schließlich als Freak abgestempelt wird, schweigt man lieber und sagt bloß, man schreibe Geschichten. Was prinzipiell stimmt, aber eben auch nur so halb.

Aber damit sollte endlich mal Schluss sein, denn immerhin ist es auch bloß ein Hobby wie jedes andere, oder nicht?

Ich jedenfalls liebe es, auf diese Art zu schreiben. Ich mag es, etwas zu schreiben, worauf jemand anderes reagieren kann und ich mag es auch, auf die Interaktion eines anderen zu reagieren. Es macht mir schlichtweg einfach mehr Spaß, weil ich dadurch das Gefühl habe, viel mehr Input zu haben.
Vor allem während meiner Schulzeit war das RPG für mich immer so eine Art Rückzugsmöglichkeit. Ich konnte mich in die Welten meine Charaktere flüchten, die fernab des Mobbings waren, das mich im Alltag begleitete.
Außerdem habe ich dadurch echt tolle Menschen kennengelernt, die sich zu besten Freunden entwickelt haben. Keine Ahnung, ob ich diesen Menschen ohne RPG begegnet wäre, aber vermutlich nicht.
Man kennt dadurch Menschen in ganz Deutschland oder auch über die Grenzen hinaus. Man ist schließlich durch das Internet vernetzt und ihr glaubt nicht, wie oft es passiert, dass sich Freundschaft oder sogar mehr daraus entwickeln!

Schreiben hatte für mich also schon immer eine tiefere Bedeutung. Es war nie nur ein Hobby, sondern etwas, was ich mit Leidenschaft tat – und immer noch tue. Ich liebe es, mich hinzusetzen und die Geschichten meiner Charaktere weiter zu schreiben oder mir neue Charaktere und Geschichten auszudenken.
Aktuell spiele ich neun Charaktere in drei verschiedenen Foren. Zum Teil sind es Fandom-Charaktere, die meisten sind aber selbst erdacht. Alle sind von Grund auf verschieden und ich hänge wirklich sehr an allen.
Und ich bin überzeugt davon, dass mir das Schreiben schon oft geholfen hat. Es hat nämlich auch etwas Entspannendes. Andere machen Yoga oder hören Musik um runter zu kommen, ich schreibe eben. Würde ich damit aufhören, würde mir etwas fehlen, ganz klar. Deshalb ist es mir auch so wichtig, mit diesen Vorurteilen aufzuräumen. Bringt RPGs nicht in Verruf, denn vielen geht es wie mir. Lasst den Leuten diese Möglichkeit, ihre kreativen Ideen auszuleben und vor allem lasst ihnen doch ihren Spaß am Schreiben!


Ich hoffe, ich konnte euch die RPGs, wie ich sie kenne, ein bisschen näher bringen und denjenigen, die dieses Hobby auch betreiben, ein bisschen aus der Seele sprechen. Gerne dürft ihr mir in den Kommentaren verraten, wie euch der Beitrag gefallen hat oder auch Fragen zum Thema RPG stellen.

Kommentare:

  1. Hallo Jenny,
    sehr schöner Beitrag, der gute Infos zum Thema gibt. Ich erkenne mich an vielen Stellen wieder. Dieses Hobby hat auch mir tolle Bekanntschaften beschert und über manch schwierige Situation hinweg geholfen.
    Wie siehst du die "Szene" denn aktuell so? Ich bin zwar im CSB hängen geblieben und dümpel da heute noch rum, aber das Bloggen hat das Rollenspielen bei mir pers. abgelöst. Ich hatte auch das Gefühl, dass viele dem RPG den Rücken gekehrt haben. Es gab da mal so ein Umkippen der Stimmung, als das Grafische wichtiger wurde als das Schreiben selbst. Die Postingpartner wurden immer unzuverlässiger. Ich habe am Ende dann eher allein vor mich hingeganfict. Ich schreibe aber auch heute immer noch gern an meinen Charakteren von damals. Sie werden immer ein Teil von mir bleiben, weil sie schon immer ein Teil von mir waren (Wow klingt das schwurbelig, aber ich denke, du verstehst, was ich meine ;)).

    Auf jeden Fall danke für deinen Beitrag.

    Liebe Grüße
    Christina

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    1. Huhu Christina,

      ich verstehe absolut, was du meinst. Also unzuverlässige Postpartner gibt's immer noch, die wird es bestimmt auch immer geben. Gerade im Internet, wo alles anonymer ist.
      Also ich persönlich habe nicht den Eindruck, dass Grafiken wichtiger geworden sind, aber das liegt vielleicht auch daran, dass ich selbst auch Grafiken bastel. Ich habe es mittlerweile aber auch schätzen gelernt, überwiegend mit Leuten zu schreiben, die ich besser kenne, weil ich weiß, dass ich ich auf die verlassen kann :D

      Danke dir für den Kommentar!

      Liebe Grüße
      Jenny

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